Auch während der WM: Straßenkinder in Brasilien

In Brasilien gehören Straßenkinder zum Stadtbild dazu, und das schon seit Jahrzehnten. Vor der WM erfahren diese wieder besondere Aufmerksamkeit, allerdings nicht immer im Sinne von Hilfsprogrammen.

Erinnern Sie sich an die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine? Erinnern Sie sich, welcher Aufschrei durch die Medien ging, als bekannt wurde, dass in den Straßen Jagd auf Straßenhunde gemacht wird? Ähnliches läuft im Vorfeld der WM in Brasilien ab, nur das Ziel ist ein anderes. Nicht Hunde sind es, sondern Straßenkinder.

Man muss verschiedene Gruppen unterscheiden, wenn man von Straßenkindern spricht. Die erste Gruppe umfasst die, die „nur“ tagsüber auf der Straße sind, etwa, weil die Eltern außer Haus sind und sich nicht um die Kinder kümmern können. Und dann gibt es diejenigen, die Tag und Nacht auf der Straße leben. Meist haben sie ihre Eltern verloren oder sind von zu Hause geflohen, da Armut, Drogen und/oder Gewalt den Alltag beherrschten.

The Price of the World Cup
Straßenkinder sind vielen in Brasilien ein Dorn im Auge, passen sie doch so gar nicht in das Stadtbild aufstrebender Metropolen. Sauber, schick, sicher – so sollen Brasiliens Städte sich präsentieren, vor allem zur Weltmeisterschaft. In seinem gelungenen Dokumentarfilm „The Price of the World Cup“ hat der dänische Filmemacher Mikkel Keldorf die Situation der Kinder unter die Lupe genommen und zeigt auf, was unternommen wird, um sie aus den Städten „verschwinden“ zu lassen. Keldorf spricht mit Straßenkindern und Sozialarbeitern, berichtet von erfolgreichen Hilfsprojekten, wie etwa der Weltmeisterschaft der Straßenkinder, aber auch von nächtlichen Erschießungskommandos.

Erschießungskommandos sind ohne Frage die grausamste und extremste Form, wie gegen Straßenkinder vorgegangen wird, allerdings auch keine neue Entwicklung. Schon in den 1950er Jahren entstanden die ersten Todesschwadronen, militante Gruppierungen, denen nicht selten Mitglieder der Polizei und Militärpolizei angehören. 1993 wurden beispielsweise in Rio de Janeiro vor der Candelária-Kirche acht Straßenkinder von Todesschwadronen erschossen. Zwar hat sich auf dem Papier die Situation der Kinder verbessert, faktisch scheint es aber nicht der Fall zu sein, wie Keldorf aufzeigt. (Am Rande sei bemerkt, dass nicht immer nur Kinder Opfer der Todesschwadronen werden. Erst 2005 gab es ein Massaker, bei dem die Attentäter relativ wahllos auf Passanten schossen.)

Im Zuge der WM-Vorbereitungen wurden noch andere Maßnahmen ergriffen, um die Straßenkinder verschwinden zu lassen. Im Bundesstaat Rio de Janeiro beispielsweise wurde 2012 ein Gesetz erlassen, das es erlaubt, Straßenkinder bis zu drei Monate in Notunterkünften festzuhalten. Hannes Velik, der sich im Projekt „Jugend eine Welt“ seit vielen Jahren für die Kinder der Favelas engagiert, berichtet in einem Interview mit news.at von den Zuständen dort:  „Die Kinder, die dort waren, haben einiges erzählt, das sehr nach Folter klingt: Sie haben zum Beispiel von nassen Böden und Elektroschocks gesprochen“, schränkt aber ein: „Inwieweit diese Berichte stimmen, ob es sich bei solchen Vorkommnissen um Einzelfälle handelt oder die Kinder nur unser Mitleid erregen wollten, ist schwer zu sagen. Sicher ist, dass die Straßenkinder nicht sehr beliebt sind und immer wieder zur Zielscheibe von Gewalt werden.“

Kaum genaue Zahlen
Die Kinder, die auf der Straße leben, sind in der Regel auf sich allein gestellt. Die Gefahr, dass sie auf die schiefe Bahn geraten, ist groß. Um zu überleben bestimmen oftmals Drogen, Gewalt, Prostitution und Kriminalität ihren Tag. Sie betteln, stehlen, putzen Schuhe, um Geld für Essen zu verdienen. Sie schnüffeln Kleber oder nehmen andere Drogen, um den Hunger zu unterdrücken.

Wie viele Straßenkinder in Brasilien leben, ist schwer zu sagen. Die Angaben schwanken extrem, von etwa 25.000 bis zu mehreren Hunderttausend. Der Verein terre des hommes schätzt die Zahl sogar auf sieben Millionen Kinder in Brasilien, die die meiste Zeit des Tages auf der Straße leben. 2009 wurden von der Organisation „Criança não é de rua“ (Kinder sind nicht von der Straße) Daten von Jugendämtern, Netzwerken und NGOs zusammengetragen. Besonders groß ist die Zahl der Straßenkinder im Nord-Osten des Landes. An der Spitze standen damals die Städte Joao Pessoa (1256 Kinder auf der Straße) und Teresina (1358 Kinder auf der Straße und 10 Straßenbewohner). Eine Volkszählung im Jahr 2011, die in 75 Städten mit über 300.000 Einwohnern durchgeführt wurde, beziffert die Anzahl der Straßenkinder auf 24.000. Der Großteil von ihnen ist zwölf bis 15 Jahre alt und männlich. Der Volkszählung zufolge leben die meisten von ihnen im Bundesstaat Rio de Janeiro (5091 Jugendliche), gefolgt von Sao Paulo und Bahia. Die gravierenden Unterschiede in den Zahlen liegt an der hohen Dunkelziffer. Nur die wenigsten Straßenkinder verfügen über eine Geburtsurkunde oder andere Papiere.

Projekte können helfen
Zahlreiche Organisationen und Projekte engagieren sich, um den Kindern eine Perspektive aufzuzeigen, sie von der Straße zu holen und Bildung zu ermöglichen. Jugend Eine Welt, Bola pra Frente, die Don Bosco Stiftung oder Kleine Nazareno e.V. sind nur einige Beispiele dafür. Häufig ist Sport das Mittel der Wahl. Der Fußball ist auch bei den Straßenkindern angesagt, vorausgesetzt es wird nicht Jagd auf sie gemacht, weil eine Weltmeisterschaft vor der Tür steht.