Hitzig – das Projekt Bola pra frente

Im Bayern-Magazin zum Spiel gegen Bayer Leverkusen ist ein ausführliches Interview mit dem ehemaligen Spieler beider Clubs Jorginho abgedruckt. Der Brasilianer war an der Säbener Straße, um für seine Stiftung Stars4Kids zu werben und sich für geleistete Unterstützung zu bedanken. Ein Projekt, das die Stiftung unterstützt und dessen Schirmherr Jorginho ist, ist Bola pra frente.

(c) Nils Borgstedt

Projektinitiator Jorginho; (c) Nils Borgstedt

Der Brasilianer Jorge Jose de Amorim Campos, genannt Jorginho, hat durch den Fußball und sportliche Erfolge erreicht, wonach viele Bewohner gerade in den Favelas in und um Rio de Janeiro streben und wovon sie träumen: Wohlstand. Der inzwischen 49-Jährige hat während seiner aktiven Karriere zahlreiche Erfolge gefeiert, wurde Weltmeister, deutscher Meister, japanischer Meister, holte Silber bei den olympischen Spielen von Seoul – das Halbfinale gewann Brasilien übrigens gegen Deutschland – und möchte nun etwas zurückgeben. Das Projekt Bola pra frente ist ein Weg, den er dabei eingeschlagen hat. Im Rahmen der Laureus World Sports Awards 2013 hat mich die Laureus Sport for Good Stiftung  zu einem Projektbesuch eingeladen.

Das Projekt Bola pra frente

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Sport kann einem Kraft geben – Skulptur am Eingang zu Jorginhos Sportprojekt Bola pra Frente; (c) Nils Borgstedt

Im Stadtteil Guadalupe von Rio de Janeiro  herrscht Armut. Ausgeschlachtete Autos, verfallene Häuser, offensichtlich zumindest fragile Stromleitungen – die Favela entspricht genau dem Bild, das einem in den Kopf kommt, wenn man Armenviertel hört. Mitten im Viertel befindet sich das Gelände des Projekts Bola pra frente – mit dem Ball nach vorne.
Dort finden Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren kostenlose Sportangebote und erhalten außerdem professionelle pädagogische Unterstützung. Ziel ist es, die Kinder von der Straße zu holen, sie für das kommende Leben vorzubereiten und vor allem dafür zu sorgen, dass sie nicht wieder auf die Straße zurückkommen. Die Erfahrungen und das Selbstbewusstsein, das die Jugendlichen auf dem Sportplatz erleben und aufbauen, sollen sie in ihre Familien und ihr alltägliches Leben übertragen. Ob das gelingt?

Kaum einer der teilnehmenden Jugendlichen wird es schaffen, eine ähnliche Karriere wie Jorginho oder sein Freund Bebeto, der das Projekt mitbegründet hat, zu machen. Aber das müssen sie auch gar nicht. Wenn sie nicht in die Kriminalität abrutschen, ist schon sehr viel gewonnen, in einer Region, in der häufig noch Drogenbosse die Gesetze machen.
Ein Blick in die Gesichter der Kinder zeigt einem hingegen bereits einen Teilerfolg: Strahlende Kinderaugen. Die Kinder sind glücklich, wenn sie bei Bola pra frente gegen den Ball treten können. Ein Schritt in die richtige Richtung.

Und doch ein wenig mulmig

Ein wenig mulmig wird einem jedoch auch, wenn man sieht, wie selbst das Projekt abgesichert werden muss. Hohe Zäune und Mauern begrenzen das Gelände, ein großes Eisentor versperrt den Eingang. Zwar fühle ich mich nicht in Gefahr und die Schweißperlen treiben mir eher die gefühlten 35 Grad im Schatten auf die Stirn, aber manchmal beschleicht einen ein komisches Gefühl. Es ist ein bisschen die Ruhe vor dem Sturm, ein „was wäre wenn“. Besonders, wenn man im Hinterkopf hat, dass die Armut hier sehr groß ist und eine ganze Schar Journalisten mit Kameras unterwegs ist, die wahrscheinlich ein mehrfaches Monatsgehalt eines Bewohners von Guadalupe wert sind.

Was nimmt man also mit von einem solchen Trip? Auf jeden Fall, dass Jorginho seit 14 Jahren mit seinen Helfern einen tollen Beitrag leistet, um Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, der Armut der Favelas zu entkommen. Außerdem bin ich um die Erfahrung reicher, dass schon Kleinigkeiten Freude machen können und man jeden Tag zufrieden sein sollte, solange man seinen (europäischen) Lebensstandard genießen kann.