FC Bayern unter Pep – Verletzter Weltklassefußball

Die Verletztenmisere beim FC Bayern ist in diesem Jahr besonders groß. Auffällig: Immer wieder sind es Muskelverletzungen, die die Spieler zum Aussetzten zwingen. Gibt es eine Erklärung dafür? Und ist Guardiola wirklich schuld?

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Seit Pep Guardiola Trainer beim FC Bayern ist, sind vor allem zwei Entwicklungen deutlich erkennbar: Fußballerisch hat der Katalane den deutschen Rekordmeister noch einmal stark verbessert und auf ein neues Niveau gehoben. Gleichzeitig haben die Münchner reihenweise Verletzte zu beklagen. Vor allem Muskelverletzungen sind ein häufiges Problem. Nimmt man die Statistik der Seite transfermarkt.de als Basis, so zeigt sich, dass die Anzahl der Spieler, die wenigstens zwei Spiele aufgrund von Muskelverletzungen verpasst haben (oder verpassen werden), seit Guardiolas Amtsantritt zugenommen haben.

Eine Übersicht:
Saison 2008/2009: Breno, Ribery – Trainer: Jürgen Klinsmann, Jupp Heynckes
Saison 2009/2010: Gomez – Trainer: Louis van Gaal
Saison 2010/2011: Van Buyten, Pranjic, Robben, Klose – Trainer: Louis van Gaal, Andries Jonker
Saison 2011/2012: keine Museklverletzungen – Trainer: Jupp Heynckes
Saison 2012/2013: Badstuber, Kroos, Robben – Trainer: Jupp Heynckes
Saison 2013/2014: Shaqiri, Shaqiri, Shaqiri, Pizarro – Trainer: Pep Guardiola
Saison 2014/2015: Reina, Badstuber, Benatia, Ribery, Robben, Robben, Pizarro – Trainer: Pep Guardiola
Saison 2015/2016: Boarteng, Benatia, Benatia, Bernat, Götze, Ribery, Costa, Robben, Robben – Trainer: Pep Guardiola

Diese Aufstellung zeigt deutlich die Flut an Muskelverletzungen seit Guardiola der Cheftrainer der Münchener ist. Aber kann man Guardiola wirklich dafür verantwortlich machen? Bei einem Verein, der jährlich etwa fünf Millionen Euro in seine medizinische Abteilung steckt und auch seinen Trainer fürstlich entlohnt, sollte man davon ausgehen können, dass die Spieler optimal versorgt werden und für die Belastungen gewappnet sind. Und da eine solche Versorgung nur im Zusammenspiel von Ärzten, Physiotherapeuten, Reha- und Athletiktrainern und Trainerteam und auch dem Spieler erfolgen kann, macht man es sich zu einfach, die Schuld nur bei Guardiola zu suchen.

Klar, Aussagen, wie jene aus dem April 2014 zeigen, dass der Trainer durchaus Druck macht, um seine Spieler früh wieder einsetzen zu können. „Ich möchte nur, dass meine Spieler möglichst schnell wieder zurückkehren“, sagte Guardiola damals: „Wenn sie acht Wochen verletzt sind, am liebsten schon nach sieben Wochen.“ Dennoch ist es dann an den Reha- und Athletiktrainern sowie den Ärzten und Spielern, „Stopp“ zu sagen. Der Trainer muss diese Aussage dann natürlich entsprechend akzeptieren. Doch das ist nur möglich, wenn der Trainer den Ärzten hundertprozentig vertraut, erklärt auch Oliver Schmidtlein, der früher selbst beim FC Bayern und der Nationalmannschaft engagiert war und derzeit in seiner Praxis in München immer noch häufig mit Bundesligaspielern arbeitet und verschiedenen Vereinen beratend zur Seite steht. „Das Ergebnis (einer Rückkehr nach Verletzung, Anm. d. Verf.) ist immer die Summe aus der Arbeit aller, die mit dem Patienten arbeiten“, erläutert er in einem Interview mit netzathleten.de. „Ein Operateur beispielsweise kann seine Arbeit noch so gut erledigen, wenn die Personen, die die Nachsorge übernehmen, aber Mist bauen, wird es nichts. Andersrum gilt das natürlich auch. Es hilft der beste Reha-Trainer nichts, wenn die Operation nicht optimal gelaufen ist.“

Und es ist genau dieses Vertrauen, dass zwischen den Ärzten und Pep Guardiola scheinbar nicht gegeben war und ist. Offen zu Tage getreten ist dies, als der damalige Mannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller Wohlfarth aufgrund eines Zerwürfnisses im Frühjahr 2015 zurückgetreten ist. Müller Wohlfarth war zuvor Jahrzehnte als Mannschaftsarzt der Münchener tätig, hat also auch die Jahre begleitet, in denen derartig viele Muskelverletzungen nicht „normal“ beim FC Bayern waren.

Aber man muss auch festhalten: Eine solche enorme Anzahl an Muskelverletzungen hatte der FC Barcelona während der vierjährigen Amtszeit von Pep Guardiola bei den Katalanen nicht zu verzeichnen. Und das bei mindestens gleicher Belastung der Spieler und ähnlichem Spielstil.

Das untermauert die Annahme, dass nicht der Trainer, sondern das Zusammenspiel von Trainer-, Ärzte- und Rehateam Ursache für die Verletztenmisere beim FC Bayern ist. Die Rolle der Vereinsführung in diesem Zusammenhang steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt – Stichwort: Parteiergreifen.