FC Bayern – Real Madrid: Mit den eigenen Waffen geschlagen

Im letzten Jahr hat der FC Bayern in Halbfinale der Champions League den FC Barcelona mit zwei überragenden Spielen insgesamt 7:0 besiegt. Der FC Bayern selbst hat damals aufgezeigt, wie man gegen Tiki-Taka-Fußball am besten besteht. Nun wurde ihm das zum Verhängnis.

Es ist schon ärgerlich, wenn man als Fan des FC Bayern seit einigen Wochen die Spiele seiner Mannschaft verfolgt. Diese Mannschaft, die einen Rekord nach dem anderen aufstellte, die im Jahr 2013 alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gab (abgesehen vom eher unwichtigen Supercup), die phasenweise Fußball spielte, wie von einem anderen Stern, die frühester Meister aller Zeiten wurde, die scheinbar unaufhaltsam zur Verteidigung des Triples aus dem Vorjahr marschierte. Mit einem überragenden Fußball, der auf Ballbesitz ausgelegt ist.

Dann kam die Meisterschaft, der erste Titel war unter Dach und Fach. Und mit ihr begannen die Wochen, in denen die Unbesiegbarkeit des FC Bayern verloren ging. 3:3 gegen Hoffenheim, 0:1 gegen Augsburg, 0:3 gegen Borussia Dortmund. Die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit des Siegens waren verschwunden.

Und dabei fällt eines auf. Eine Vielzahl der Gegentore fielen genau nach dem Schema, mit dem die Bayern selbst die Mannschaft des Tiki Taka schlechthin, den FC Barcelona, ein Jahr zuvor besiegt hatten: Sicher in der Defensive stehen, den Gegner spielen lassen, aber früh anlaufen, die Räume zustellen und so die Torgefahr der unterbinden. Zudem eigene (Konter-)Chancen effektiv nutzen.

Ballbesitzfußball kann nur dann effektiv sein, wenn in der Offensive Tempo in die Aktionen kommt und auch mal ein Risikopass gespielt wird, auch auf die Gefahr hin, dass man den Ball verliert. Dazu muss das Gegenpressing funktionieren, sprich die Angreifer die ersten Verteidiger, mehrere Spieler immer um den Ball postiert, Passwege zugestellt sein.

Genau das hat in den ersten zwei Dritteln dieser Saison wunderbar funktioniert im Spiel des FC Bayern. Seit ein paar Wochen gelingt das nicht mehr. Aber woran liegt es? Das Offensivspiel der Bayern ist zu ausrechenbar geworden, Überraschungsmomente haben Seltenheit. Einlaufende Außen, Mittelfeldspieler, die mit in den Strafraum gehen und in der Folge Bälle in die Schnittstellen der Abwehr oder hohe hinter die Abwehrreihe kommen fast gar nicht mehr. Dabei war das ein probates Mittel zu den Zeiten, als die Bayern noch überragend spielten. Aber und das ist das entscheidendere, das Gegenpressing gelingt nicht mehr.

Sowohl gegen Madrid, als auch schon in Teilen gegen Manchester United im Viertelfinale, als auch in der ersten Halbzeit gegen Werder Bremen am vergangenen Wochenende wurden die Bayern immer wieder ausgekontert. Und zwar mit einfachsten Mitteln. Mit einem langen Ball wird die erste Reihe der Münchner überspielt und schon spielt man im Grunde nur noch gegen die Innenverteidigung. So fielen jeweils das 0:1 und 1:2 gegen Werder Bremen, das 0:1 im Hinspiel und das 0:3 im Rückspiel gegen Real Madrid, Manchester hätte auch auf diese Weise durchaus mindestens einen Treffer erzielen können (man erinnere sich an die Riesenchance von Welbeck im Hinspiel, als er alleine vor Manuel Neuer auftauchte).

Wenn man dann noch über eine – zumindest in den beiden Halbfinalpartien – so überragende Defensive besitzt wie Real Madrid, kommen eben solche Niederlagen wie das 0:4 vom Dienstag zustande. Überragende Defensive und Real Madrid – das passte in der Vergangenheit, auch in dieser Saison, nicht immer zusammen. Aber beim 4:0-Sieg in München verlor Sergio Ramos nicht einen (!) Zweikampf, sein Kollege in der Innenverteidigung Pepe gewann überragende 91 Prozent. Insgesamt gewann Madrid 59 Prozent der Zweikämpfe (Rückspiel). Bayern hatte mehr Ballbesitz, die bessere Passquote, mehr gespielte Pässe.

Und ganz ähnlich sind die Zahlen bei den Spielen der Bayern im letztjährigen Halbfinale gegen Barcelona. Auch hier hatte der spätere Sieger (Bayern) seltener den Ball und spielte weit weniger Pässe, hatte aber die Zweikampfwerte auf seiner Seite (Rückspiel) oder diese zumindest ausgeglichen gestaltet (49% im Hinspiel).

Etwas überspitzt lässt sich also festhalten, dass es beim Ballbesitzfußball drei Möglichkeiten gibt:

  • Entweder man hat den Ball, spielt hinten rum, verliert ihn nie und ist offensiv ausrechenbar, dann endet das Spiel zwangsläufig 0:0
  • Man hat den Ball, spielt gezielt in die Spitze, das Gegenpressing gelingt – man hat den FC Bayern bis März 2014
  • Man hat den Ball, ist offensiv ausrechenbar, das Gegenpressing gelingt nicht – man verliert 0:4 gegen Real Madrid.

 

Und so hat der FC Bayern schon im vergangenen Triple-Jahr selbst die Gebrauchsanweisung geliefert, wie man ihn bei der Triple-Verteidung am besten schlagen kann. Allein: Man muss in der Lage sein, das Defensivstehen und das Konterspiel über 90 (oder 180) Minuten konsequent durchzuhalten und muss Spieler haben, die die Konter in höchstem Tempo ausspielen können. In der Bundesliga haben nicht alle Mannschaften solche Spieler, Madrid hat sie schon.