Willkommen in der Weltklasse, Toni Kroos! Oder vielmehr willkommen zurück im Hype?

Toni Kroos hat im Spiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien eine unbestritten starke Leistung abgeliefert. Man kann sie sogar als weltklasse bezeichnen! Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber gegen diese schwachen Brasilianer zu glänzen war wohl so schwer, wie einem Kind einen Lolli zu klauen. Gerade für einen Kreativspieler wie Kroos.

Brasilien hatte das ganze Turnier Schwächen offenbart, war aber von der Euphorie der Heim-WM getragen worden. Ohne den offensiven Alleinunterhalter und Messias Neymar, der dem ganzen Team und Land Hoffnung gegeben hat, und – für defensive Organisation  noch wichtiger – ohne Thiago Silva, den Kapitän und vielleicht besten Innenverteidiger der Welt, war dieses Team nicht das gleiche, das noch im Viertelfinale Kolumbien geschlagen hat.

Das Gesamtbild schmälert die Leistung von Toni Kroos ein wenig

Wenn man sich das ganze Turnier anschaut, muss das Fazit schon weniger euphorisch ausfallen. Gegen Portugal war Toni Kroos, wie alle Deutschen stark. Gegen Ghana spielte er gut, aber es gelang ihm nicht, Ruhe in das deutsche Spiel zu bringen. Seine athletischen Defizite, gerade seine mangelnde Geschwindigkeit, wurden von den Ghanaern geschickt ausgenutzt. (Natürlich darf man hier nicht vergessen, dass ein Khedira in Bestform ihn bestimmt besser hätte absichern können). Gegen die USA spielte er wieder stark, baute allerdings in der zweiten Hälfte auch deutlich ab.

Im Achtelfinale gegen Algerien war er in der ersten Hälfte Teil eines deutschen Mittelfeldes, das offensiv zwar recht ansehnlich spielte, defensiv aber kaum Druck auf den Ballführenden ausübte und so die weiten, direkten Pässe auf die Stürmer der Algerier ermöglichte und so einfach überbrückt wurde. In der 2. Hälfte gewann er, wie das ganze Team mehr Kontrolle über das Spiel. Gegen Frankreich im Viertelfinale spielte er solide, bereitete das 1:0 vor, tauchte aber in den französischen Druckphasen zuweilen ab.

Insgesamt ein gutes Turnier – aber weltklasse?

Grundsätzlich muss man sagen, dass Toni Kroos ein gutes Turnier und eine tragende Rolle in einem starken Team spielt. Er hat sich endlich als Stammspieler im deutschen Team etabliert. Vor allem, weil bei Jogi Löw ein Umdenken statt gefunden hat. Vielleicht auch aufgrund der mangelnden Fitness von Schweinsteiger und Khedira gelangte dieser zu der Erkenntnis, dass er sich Mesut Özil als Zehner mit drei anderen offensiven Spielern in der Hitze Brasiliens nicht erlauben kann. Das kontrolliertere Spiel von Toni Kroos nimmt dem deutschen Spiel etwas Tempo, gibt ihm dafür aber eine größere Ballsicherheit. Zudem ist Kroos zwar weder ein guter Zweikämpfer, noch besonders athletisch, oder engagiert in der Rückwärtsbewegung, aber er versteht es bei gegnerischem Ballbesitz je nach Situation den Gegner anzulaufen, oder sich fallen zu lassen, um so das Zentrum dicht zu machen und dort möglichst Überzahl zu schaffen. Das sind jedoch auch Stärken und Schwächen, die aus seinen letzten Saisons beim FC Bayern München hinlänglich bekannt sind.

Seine Stärken haben wesentlich zu Bayern Münchens Champions League Triumph 2013 beigetragen, seine Schwächen aber auch deutlich zum diesjährigen Debakel im Halbfinale gegen Real Madrid. Den Machern beim FC Bayern ist sicherlich bewusst, was sie an Toni Kroos haben. Wenn sie ihn zu Real Madrid gehen lassen sollten, dann spielen dabei sicher seine durchschnittliche Athletik und sein immer wieder kehrendes Phlegma eine Rolle. Gerade erleben wir, wie Toni Kroos‘ stetige Entwicklung ihn in den internationalen Fokus und zum Stammspieler für Deutschland bei einem großen Turnier gemacht hat. Warten wir doch zumindest noch dieses ab, um ihn in die Weltklasse zu erheben. Am Ende definiert sich diese nämlich auch durch – Titel.