WM-Viertelfinale Brasilien – Kolumbien: Ein Ausblick

Mit Brasilien und Kolumbien treffen zwei Mannschaften im Viertelfinale aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite der Gastgeber, dessen Kader fast ausschließlich aus bekannten Größen der Fußballwelt besteht. Auf der anderen Seite Kolumbien, Außenseiter, Geheimfavorit. Viele Spieler dieser Elf werden erst jetzt so richtig wahrgenommen. Brasilien – Kolumbien, ein Ausblick.

Brasilien – Gastgeber und Favorit
Der Kader der brasilianischen Mannschaft ist gespickt mit Spielern, die bei europäischen Top-Clubs wie Chelsea, Madrid, Bayern München oder Barcelona unter Vertrag stehen. Und dennoch ist die Mannschaft extrem abhängig von Neymar. Der Junge aus Mogi das Cruzes ist der Hoffnungsträger der Brasilianer. Wird er aus dem Spiel genommen, tut sich die Selecao schwer. Zwar konnte Neymar bisher insgesamt überzeugen, beim 0:0 in Gruppenphase gegen Mexiko kam aber auch er nicht wirklich zur Geltung. Dazu ist die Defensive – eigentlich sollte sie das Prunkstück der Mannschaft sein – erstaunlich unsicher. Außer beim Spiel gegen Kamerun, mussten die Brasilianer immer um den Punktgewinn oder Sieg zittern. Höhepunkt in der Beziehung war natürlich das Achtelfinale gegen Chile, als der Chilene Pinilla den Ball in der 120. Minute an die Latte knallte und Brasilien erst im Elfmeterschießen weiterkam.

Ein weiteres Manko der Brasilianer: Kreativität ist in dieser Mannschaft Fehlanzeige. Torgefahr entsteht häufig nur durch Einzelaktionen. Mehmet Scholls Bonmot zu Mario Gomez anno 2012, „Ich hatte Angst, dass er sich wundliegt“, lässt sich bei der WM 2013 fast eins zu eins auf Brasiliens Stürmer Fred anwenden. Entsprechend ungefährlich geht es im Zentrum zu.

Der Druck, der auf den Brasilianern lastet, ist immens. Der Titel wird erwartet, nach den bisherigen Turnierleistungen ist der sechste Erfolg bei einer WM aber alles andere als zu erwarten. Dass das Viertelfinale erreicht wurde, kann für das Spiel heute Abend (Anstoß 22 Uhr, MEZ) positiv wie negativ sein. Der knappe Sieg gegen Chile kann dem Team Selbstvertrauen geben. Chile hatte im bisherigen WM-Verlauf sehr überzeugend gespielt.

Zudem hat man die Runde der letzten Acht erreicht und damit schon mal nicht schlechter abgeschnitten als 2006 und 2010. Man ist nach wie vor auf Kurs, egal, wie die bisherigen Spiele ausgesehen haben.

Negativ bemerkbar könnte sich die kräftezehrende Partie aber auch machen. Gerade Neymar war nach der Chile-Partie schwer angeschlagen. Auch an den anderen dürften die 120 Minuten nicht spurlos vorrübergegangen sein. Außerdem kommt mit Kolumbien die Mannschaft der WM, die bisher die konstantesten Leistungen abgeliefert hat – ohne Zusatzminuten. Das dürfte den Druck und die Angst vor der Niederlage nicht gerade kleiner werden lassen.

Kolumbien – inzwischen mehr als ein Geheimfavorit
Kolumbien war die einzige Mannschaft, die in ihrer Achtelfinalpartie relativ souverän und ohne langes Zittern weitergekommen ist. Dabei hat die Elf von Trainer Jose Pekerman einfach nur getan, was sie bereits das ganze Turnier über getan hat: starken Fußball gespielt, offensiv effektiv und defensiv sicher. Mit drei Siegen in drei Spielen ist Kolumbien durch die Gruppe marschiert. Die vor der WM hochgehandelten Japaner wurden mit der „B“-Elf 4:1 abgefertigt.  Dazu kommen Erfolge gegen Griechenland (3:0) und die Elfenbeinküste (2:1). Im Achtelfinale wurde Uruguay überzeugend mit 2:0 besiegt.
Entscheidenden Anteil an diesen Erfolgen hat James Rodriguez. Der 22-Jährige vom AS Monaco führt mit fünf Treffern die WM-Torjägerliste an und lenkt das Spiel der Kolumbianer. Dass James Rodriguez ein guter Kicker ist, wusste man bereits vor der WM. Dass so auftrumpfen würde, konnte man allerdings nicht erwarten. Nur einer hat es gewusst, sein Trainer, Jose Pekerman: „Ich freue mich sehr darüber, was er tut, ich hatte niemals Zweifel, dass das seine WM wird, die WM von James Rodríguez.“

Pekerman sagte nach dem Achtelfinale außerdem über seine Nummer 10: „Dieser Spieler hat alle notwendigen Voraussetzungen für absolutes Weltniveau. Er kann seinen Mitspielern helfen, kann Situationen definieren und dabei interpretieren, was es braucht als Team.“

Und das ist Stärke Kolumbiens: Die mannschaftliche Geschlossenheit. Bringen die Cafeteros, wie die Kolumbianer übrigens hauptsächlich außerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen genannt werden, diese Stärke auf den Platz und ruft James sein Potential ab, kann Kolumbien die Endstation für den WM-Gastgeber bedeuten.

Brasilien – Kolumbien: Statistik
In bisher 25 Spielen gingen die Brasilianer 15 Mal als Sieger vom Platz. Kolumbien konnte nur zwei Mal gewinnen, acht Mal ging die Partie unentschieden aus.

Vergleicht man die Daten dieser WM, spricht allerdings einiges für Kolumbien. Die Mannschaft von Pekerman hat mehr Tore erzielt (11 im Vergleich zu Brasilien mit 8) und dafür auch noch weniger Versuche gebraucht (11,5 : 17,5). In Bezug auf Passquote und Anzahl der gespielten Pässe, die einen Mitspieler erreichten, nehmen sich beide Mannschaften nicht viel. Die Passgenauigkeit liegt bei beiden Teams bei 70 Prozent, allerdings hat Brasilien 300 Pässe mehr gespielt. Viele Pässe helfen einem allerdings nichts, wenn dabei nichts Zählbares herauskommt. Fragen Sie mal bei den Spaniern nach, die haben noch mehr Pässe gespielt – sowohl als Brasilien als auch Kolumbien – und ein Spiel weniger bestritten.